Das Monopol psychische Gesundheit

In letzter Zeit ist das Thema der psychischen Gesundheit mehrmals aufgegriffen worden, was grundsätzlich sehr positiv ist. Dabei habe ich aber leider auch gemerkt, dass unter den Fachleuten gewisse Spannungen entstanden sind. 


Was mich am meisten gestört hat, waren die Kommentare auf gewisse Artikel, worin Fachleute gegeneinander ankämpfen und darüber diskutieren, wer mehr Anspruch auf Unterstützung haben sollte, wer qualifizierter sei, wie schlecht die Fachverbände ihre Psychologen auswählen, etc. 


Wirklich? Ist das der richtige Weg? 


Ich bin entsetzt. Sollen wir wirklich beginnen zu diskutieren, welche Berufsgruppe das Monopol auf die psychische Gesundheit der Menschen hat? Wollen wir alle in einen Topf werfen und gleich behandeln? Heisst das, jemand mit einer starken Depression gehört in die gleiche Klientengruppe wie jemand, der an seinem Selbstwert arbeiten will? Irgendwas Grundsätzliches stimmt für mich hier nicht.


Ich bin selber anerkannte Psychologin FSP (Föderation der Schweizer Psychologen) mit einem PhD, sowie auch zertifizierter Life Coach. Ich bin keine Psychotherapeutin mit klinischem Hintergrund. Bin ich trotzdem qualifiziert, um Menschen zu helfen? 

Ganz klar: JA


Das Ziel vor Augen halten


Wir müssen beginnen zu verstehen, dass es nicht um die gewählte Therapiemethode oder um die absolvierte Ausbildung geht, sondern um das Ziel: Den Menschen zu helfen, sich besser, ausgeglichener, glücklicher und gesünder zu fühlen. 


Vor allem müssen wir erkennen, dass nicht alle gleich sind. Und deswegen muss es auch gerechtfertigt sein, dass sich Fachleute ebenfalls voneinander unterscheiden dürfen. Das Angebot muss vielfältig sein, genauso wie unsere Gesellschaft, in der wir leben.


Ich betone hier das Wort Fachleute. Damit meine ich alle diejenigen, die sich in welche Methode auch immer haben ausbilden lassen. Selbsternannte Berater oder solche, die lediglich auf ihre Lebenserfahrung schwören, können zwar gute Gesprächspartner sein, gehören für mich aber nicht in die berufliche Kategorie.


Meine persönliche Erkenntnis


Ich brauchte selber eine Weile, bis ich die Vorteile der verschiedenen Berufsgruppen erkannt hatte. Als gelernte Psychologin mit einem ausgeprägten akademischen Hintergrund war es nicht ganz einfach zu akzeptieren, dass z.B. Coaches auch in der Lage sein könnten, Menschen weiterzubringen. Eine Zeit lang habe ich auch eine psychotherapeutische Ausbildung absolviert, die ich aber wegen des Doktorats nicht abschliessen konnte. Ich war fest überzeugt, dass wer keine fundierten Kenntnisse der Psychologie besass, keine Berechtigung auf Beratungen haben sollte. Womöglich nicht mal solche, die keine klinische Erfahrung hatten, mich inklusive. 


Bis ich es selber ausprobiert habe und mich zum Life Coach ausbilden liess. Ich war begeistert, überrascht, destabilisiert und plötzlich unsicher zu sehen, was in meiner Ausbildungsgruppe passierte. Wie konnte es möglich sein, dass ein kaufmännischer Angestellter in der Lage war, Menschen zu beraten, und dies auch noch verdammt gut? Dazu hatte er noch nie was über DSM oder ICD gehört, wusste nicht genau was Borderline heisst und Namen wie Rogers, Bandura, Zimbardo & co. waren ihm völlig unbekannt. Wie konnte das sein?


Ich musste erkennen, dass die richtige Haltung das Wichtigste ist. Wie ich Menschen begegne, wie ich ihnen gezielte Fragen stelle, meine Empathie zeige und die Fähigkeit besitze, ihre innere Welt aufzufangen, zurück zu spiegeln und ihnen damit helfe, sich weiterzuentwickeln und glücklicher zu sein: Das ist massgebend. 


Ob ich dabei systemisch oder kognitiv arbeite, ob ich dabei meditiere und Achtsamkeitsübungen mache, ob wir währenddessen in der Natur verweilen oder Hypnoseübungen machen ist völlig egal. Wir müssen akzeptieren, dass nicht alle Menschen gleich auf gewisse Techniken reagieren. Einige können mit Meditation nichts anfangen, andere finden eine strukturierte und langzeitige Psychotherapie demotivierend und sinnlos. 


Zusammen statt gegeneinander


Liebe Fachleute, es geht nicht nur um unsere Wahrnehmung, sondern darum, wie wir im Dienst unserer Mitmenschen am besten arbeiten können. Die Wahrnehmung unserer Klinenten ist wichtig, ihre Bedürfnisse, ihre Vorlieben – nicht irgendein sinnloser Konkurrenzkampf. 


Natürlich stimme ich zu, dass gewisse psychische Störungen eine spezifische Behandlung benötigen. Niemals würde ich eine Schizophrenie, schwere Panik Attacken, chronische Depressionen oder Psychosen behandeln. Seriöse Fachleute wissen, wo ihre Grenzen und ihre Tätigkeitsbereiche sind. Aber deswegen sind sie nicht weniger wert oder weniger fähig, den Menschen zu helfen. 


Als ich die Plattform Psychologists & Coaches United gegründet habe, worin während dieser Corona-Zeit 30 Minuten Beratungen gratis angeboten werden, erhielt ich viel Lob, aber auch Kritik, sogar von anderen Psychologen und Psychotherapeuten.

  • Es ist völlig daneben, 30 Minuten gratis Gespräche anzubieten – das ist doch keine Therapie! 

  • Psychologen, Therapeuten und Coaches, alle auf einer Plattform? Wie verwerflich.

  •  Ihr wollt nur das eigene Business vorantreiben, alles ist eine Schwindelei.

Ich finde hingegen, genau jetzt sollten wir zusammenhalten und endlich über den eigenen Tellerrand schauen. Sich richtig informieren ist der erste Schritt, danach gehören Respekt und Wertschätzung zur richtigen Haltung. 

  • Ja, 30 Minuten sind keine Therapie. Das steht auch im Disclaimer der Webseite. Es sind Kurzberatungen und Speed-Coachings. Natürlich können wir so keine Depressionen behandeln, das war aber auch nie das Ziel. 

  • Ja, es sind verschiedene Leute vertreten, nicht alle haben Psychologie studiert, nur ein Teil davon haben eine psychotherapeutische Ausbildung. Deswegen sind sie aber nicht weniger fähig, den Menschen durch eine Krisenzeit zu helfen. Nicht alle brauchen eine Psychotherapie, viele sind auch nur froh, wenn sie mit jemandem darüber sprechen können, wie schwierig es momentan ist. 

  • Ja, wir sind Selbstständige und auch wir gehen eine schwierige Zeit durch. Deswegen ist es aber überhaupt nicht verwerflich, wenn wir gratis Gespräche anbieten und so unseren Beitrag leisten.   

Ich will genauso meinen Beitrag leisten und mich dafür einsetzen, damit wir als Gesellschaft diese aussergewöhnliche und schwierige Zeit erfolgreich überstehen. Ich möchte den Menschen helfen, und zwar so vielen wie möglich. Dass sich so viele Fachleute sich auf meine Plattform engagieren und genauso wie ich dieses Ziel verfolgen gibt mir viel Hoffnung und Zuversicht


Haltet zusammen, hört auf gegeneinander zu kämpfen und akzeptiert die unterschiedlichen Tätigkeitsbereiche und Fähigkeiten der anderen. Solange anderen geholfen wird, ist niemand besser oder schlechter, sondern es sind alle, ganz einfach, eine wichtige Ressource für das kollektive Wohlbefinden. 

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